Erinnerungen an Richiardi Junior

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Autor: Pierre Castell

Würden Sie gerne an manchen Tagen das Datum auf einen früheren Zeitpunkt Ihres Lebens zurückstellen? Nein, nicht, weil Sie jünger sein wollen, sondern deshalb, weil Sie in der Vergangenheit etwas angenehmes Unvergessenes erlebten. Was würde ich alles dafür geben, wenn ich nochmal das Jahr 1975 erleben dürfte. Auf den Tag genau heute vor 40 Jahren, sah ich zum ersten Mal den beeindruckenden Illusionisten „RICHIARDI“ (jr.) mit seiner unvergleichlichen Show!

Ich war damals 14 Jahre alt und freute mich auf einen erlebnisreichen Tag im „Phantasialand“, dem aus meiner Sicht besten deutschen Freizeitpark. Als ich dort ankam, entdeckte ich im Themenbereich „Alt-Berlin“ vor dem Varieté Wintergarten  einen Informationsaussteller (Klappschild, wie es vor Einkaufsläden steht), auf dem ein Zauberkünstler mit seiner schwebenden Assistentin zu sehen war. Kein Foto, sondern ein künstlerisches gemaltes Bild, aber nicht etwa abstrakt, sondern so deutlich und realitätsnah wie ein Foto. Inmitten des Bildes stand (wenn ich mich richtig erinnere) in großer Schrift „Richiardi“. „ Die schnellste Illusionsshow der Welt“.

Ich werde Ihnen im Folgenden schildern, wie ich damals als 14-jähriger Junge die Show erlebte. Gespannt wartete ich auf die Vorstellung. Die Show begann. Zunächst kamen zwei andere Programmpunkte. Nachdem die „Dancing Devils“ ihren Auftritt beendeten, war es endlich soweit. Nun kam folgende Ansage (wortwörtlich) aus den Lautsprechern: „Meine Damen und Herren! Phantasialand präsentiert: Die schnellste Illusionsshow der Welt. Direkt aus Peru, zum ersten Mal in Deutschland: RICHIARDI!“

Und dann kam er. Ein 52-jähriger temperamentvoller Mann, südländisch aussehend, voller Energie ausstrahlend. Er fesselte das Publikum von der ersten Sekunde an. Maskulin, dennoch sehr elegant.

CCI26072015_0014Richiardi begann mit seiner Reis- und Wasserwanderung. Dazu verwendete er die aus dem Fachhandel bekannten Alu-Reisschalen, die „Niffin/Cocktailflasche“ sowie zwei große Becher (Foocan). Was Richiardi dann aus diesen klassischen uralten „Apparatetricks“ machte und wie er sie kombinierte, ist kaum zu beschreiben. Man muss es einfach gesehen haben. Wie überzeugend er die Reisschalen als zunächst leer präsentierte – überhaupt, das ganze Handling. WIE er das Wasser in sehr hohem Bogen aus der Flasche goss, das Zusammenspiel mit seinen beiden Assistenten und wie clever die Trickhandlung bei der Cocktailflasche ausgeführt wurde – fantastisch. Richiardi warf die Flasche über seine Schulter nach hinten dem Assistenten zu, der das gewisse Etwas beim Fangen ausführte. Nicht nur das Auge bekam Einiges geboten. Die begleitende Musik (vom Band) – fetzige Rockmusik mit E-Gitarre und lateinamerikanischen Rhythmen wirkte so passend und synchron zur Vorführung, dass man den Eindruck hatte, als wäre sie speziell für die Reis- und Wasserwanderung komponiert (was nicht der Fall war). Gerade diese mitreißende Musik (dabei mochte und mag ich solche Musik normalerweise überhaupt nicht) war es, die auch einen sehr großen Anteil der starken Wirkung auf das Publikum hatte. Ich komme später noch einmal auf die Musik zu diesem Eröffnungstrick zurück.

Das Publikum ist begeistert
Es folgt die Puppenhaus-Schwerter-Illusion. Rasant, spektakulär und blitzschnell vorgeführt. Pudel wird vorne reingesetzt, Türchen zu. Säbel mit dominanter Wucht reingestoßen. Pudel ist verschwunden, Puppenhaus wird leer gezeigt, gedreht. Während die Assistenten das Puppenhaus drehen, umkreist sie Richiardi mit schnellen Schritten wie ein Matador. Die Schwerter werden in einem sagenhaften Tempo rausgezogen und teilweise dem Assistenten zugeworfen. Die Dachklappen des Puppenhauses gehen hoch und plötzlich erscheint Richiardis Ehefrau. Das Publikum ist begeistert! Ich bin mir sicher, verehrter Leser, dass Sie die Illusion so wie Richiardi sie vorführte, noch nie gesehen haben und auch zukünftig nicht sehen werden. Das Publikum ist begeistert!

Richiardis Tochter bringt einen Käfig mit mehreren Tauben auf die Bühne. Sie steht mittig, rechts und links von ihr stehen die Assistenten mit jeweils einer Holzbox in der ungefähren Größe eines Schuhkartons in der Hand. Richiardi nimmt zwei Tauben aus dem Käfig und gibt sie in die Holzkästen. Er holt noch zwei weitere Tauben und gibt sie ebenfalls in die beiden Boxen. Seine Tochter verlässt mit dem leeren Käfig die Bühne. Richiardi geht zum ersten Assistenten und nimmt den Deckel sowie Boden und Seitenteile der Holzbox und wirft die Teile nacheinander mit sehr viel Power energisch (wie einen Bumerang, nur gradlinig) in die Kulissen. Die Tauben sind spurlos verschwunden. Tosender Applaus von den Zuschauern, der Vorhang schließt sich.

„Und nun, meine Damen und Herren, bittet Sie Richiardi, diesen Ring ganz genau zu untersuchen!“ hört man aus den Lautsprechern. Richiardi kommt mit einem großen Reifen vor den Vorhang auf die Bühne und reicht ihn einem Zuschauer, der sich vom Platz erhebt, den Reifen in die Hand nimmt und begutachtet. Richiardi fragt „O.K.?“. Der Zuschauer bejaht und setzt sich wieder. Nachdem die drei ersten Musikstücke zu den zuvor erfolgten Tricks sehr schnell waren, suggeriert nun eine eher etwas langsamere Musik, die sehr geheimnisvoll und mystisch klingt, dass gleich etwas ganz Besonderes passiert.

Der Vorhang öffnet sich und Richiardis Frau schreitet langsam wie in Trance auf die Bühne. In der Mitte der Bühne liegt auf dem Boden ein ca. 1,80 Meter langer schwarzer Teppichläufer aus Samt, davor drei oder vier Kissen. Richiardi führt die Dame an den Teppich, sie legt sich hin. Er nimmt ein Kissen und wirft es voller Power (wie zuvor bei der Taubennummer die Einzelteile der Holzboxen) in die Kulissen. Richiardi stellt sich hinter die auf dem Teppich liegende Dame und macht geheimnisvolle Bewegungen, scheint sich „zu sammeln“ und sehr zu konzentrieren. Wie er dort steht und in sich geht – der ganze Körper, seine Beine, seine Arme und Hände sind in „sich sammelnden langsamen“ Bewegungen – lässt ahnen, dass gleich etwas sehr Außergewöhnliches passiert. Er schaut mit dem Kopf nach oben, als würde er eine Absegnung von Gott empfangen müssen. Plötzlich reißt er ruckartig und schwungvoll die Hände von unten nach oben, so als wolle er die auf dem Boden liegende Dame durch übernatürliche Kräfte noch oben bewegen. Eine ungeheure Spannung im Publikum. Die sehr spannende Musik trägt noch zusätzlich dazu bei.

richiardi-showbillRichiardi wirkt wie besessen
Und dann passiert es tatsächlich (für mich damals unfassbar): Die Dame bewegt bzw. schwebt langsam in die Höhe. Richiardi steht wie ein Dirigent hinter seiner Frau und wirkt völlig in Ekstase. Seine Arme und Hände dirigieren sie mit voller Kraft und Ausdruck. Er schaut nur auf seine Frau, würdigt in dieser Konzentration dem Publikum keinen Blick. Er wirkt wie besessen! Er scheint in einer anderen Welt, völlig außer sich. Auf einmal reißt Richiardi seine Arme auseinander und „befiehlt“ bzw. signalisiert, dass seine Frau nun inne halten soll. Sie schwebt jetzt in Höhe seiner Brust unbewegt und rührt sich nicht mehr vom Fleck. Ein Assistent reicht Richiardi den zuvor vom Zuschauer untersuchten Reifen, den er sehr schnell über die Dame zieht. Nun lächelt er ins Publikum und deutet an, dass er den Reifen nochmal, dieses Mal aber ganz langsam, sozusagen in Zeitlupe, über seine schwebende Assistentin ziehen wird.

Bevor er dies allerdings macht, lässt er den großen Ring ständig zwischen ihm und seiner völlig frei schwebenden Frau von links nach rechts in großen Bewegungen hin- und herpendeln. So demonstriert er ganz unterschwellig, dass nirgendwo eine „Schwebehilfe/Tricktechnik“ vorhanden sein kann. Er zelebrierte diese Szene regelrecht. Diese Szene beweist wieder, wie genial und durchdacht Richiardis Vorführungen waren. Dabei schaut er jetzt ununterbrochen ins Publikum. Nun zieht er den Ring sehr langsam über die schwebende Frau. Der Assistent, ca.1,5 Meter rechts neben Richiardi stehend, geht von hinten auf die linke Seite von Richiardi um den durchgezogenen Reifen in Empfang zu nehmen und bringt ihn dann von der Bühne (erneut eine Raffinesse, um dem Publikum beiläufig zu zeigen, dass es auch hinter Richiardi keine Tricktechnik gibt, die z. B. vielleicht aus dem hinteren Vorhang versteckt zu Richiardi führt). Jede Bewegung, jede Handlung ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Richiardi schaut wieder nach oben, so als würde er erneut von einer allmächtigen Gestalt auf die Zustimmung warten, dass er die Dame nun zurück zum Boden hinabschweben lassen darf. Dabei gehen seine Arme weit auseinander, er gibt einen „Schrei/Befehl“ von sich (so wie früher Perez Prado bei seiner Musik) und seine Frau schwebt hinab nach unten. Plötzlich reißt Richiardi wieder seine Arme energisch auseinander und befiehlt ihr, nochmal kurz inne zu halten. Richiardi stellt sich nun etwas breitbeinig (eine nochmalige clevere Art von ihm), um beim Zuschauer die evtl. Vermutung zu beseitigen, dass sich vielleicht hinter während seiner der ganzen Schwebenummer eng zusammenstehenden Beinen ein Teil der Schwebetechnik verbirgt). Es bewegt seine Hände jetzt wie ein Klavierspieler, sanft und weich, und sie schwebt weiter langsam runter bis zum Boden, wo sie sofort von Richiardi die ihr zugereichte Hand erfasst und aufsteht. Der Vorhang schließt sich. Eine meisterhafte Vorführung der „Schwebenden Dame“ ist zu Ende, ein nicht enden wollender Applaus vom Publikum folgt. Welche enorme Wirkung diese Schwebenummer (Aga) auch nachhaltig auf die Zuschauer ausübte, werde ich an späterer Stelle noch näher beschreiben.

Man muss es gesehen haben
Nun wird es ein wenig heiter. Richiardi kommt lachend auf die Bühne und zeigt vergnügt einige Kartenmanipulationen. Eine Assistentin bringt ihm einen kleinen Hocker, auf dem er Platz nimmt. Er zerreißt eine Spielkarte und möchte einen Karteneffekt zeigen, wird aber jäh von seinen beiden männlichen Assistenten unterbrochen, die mit sogenannten Hexenbesen auf die Bühne kommen und genau an der Stelle, wo der große Meister auf dem Hocker sitzt, anfangen zu fegen. Richiardi wird wütend und schickt sie streng und energisch von der Bühne. Er entschuldigt sich beim Publikum für die Störung und möchte sich gerade wieder auf den kleinen Hocker setzen und seinen Kartentrick fortsetzen (alles zu Begleitmusik), da kommen die nervenden Assistenten abermals mit den Besen. Er steht vom Hocker auf, es folgt eine heftige „Diskussion“ zwischen ihm und den beiden Assistenten, und Richiardi stellt die Besen hochkant mit den Borsten nach oben, möchte nun scheinbar etwas mit den Besen zeigen.

Plötzlich stürmt eine Zeitungsbotin auf die Bühne (Richiardis Tochter Rina) und versucht lautstark der ersten Zuschauerreihe ihre Zeitungen anzubieten. Richiardi schimpft und verweist auch Rina der Bühne. Wie es zu erwarten war, kommt auch sie wieder zurück. Nun reicht es Richiardi und er fordert sie auf, sich auf den kleinen Hocker zu stellen. Die beiden Assistenten halten jeweils einen Besen, der Hocker mit Rina dazwischen, sie hält sich mit den Händen an den Borsten fest. Richiardi zieht ihr den Hocker unter ihren Füßen weg und wirft ihn zur Seite. Die beiden Assistenten halten die Besen an den Griffen. Einer der beiden lässt ganz vorsichtig seinen Besen los und geht langsam dem Besen entfernend rückwärts seitlich in die Kulissen. Nun folgt ihm der andere Assistent, macht das gleiche. Man könnte im Saal nun eine Stecknadel fallen hören, so gespannt verfolgt das Publikum das Geschehen. Nun folgt von Richiardi eine Vorführung der Besenschwebe, die man schlecht beschreiben kann, man muss es einfach gesehen haben. Richiardis Präsentation ist in meinen Augen die beste aller Zeiten.

Falls Sie, verehrter Leser, gerade die Nase rümpfen und meine Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen können, dann bedenken Sie bitte, dass ich von einem 40 Jahre zurückliegenden Auftritt berichte. Die Besenschwebe wurde 1975 und noch viele Jahre danach zwar auch von unzähligen anderen Kollegen vorgeführt, bei denen die Illusion aus meiner Sicht aber nur mittelmäßig präsentiert wurde. Hinzu kommt, dass Richiardi im Wintergarten-Varieté keine Bodenplatte bzw. kein Podest nutzte, was den Effekt wesentlich überzeugender wirken lässt. Und wie Richiardi diese Nummer darbot, war eben etwas ganz Besonderes. Wie er da steht, seine Drehungen – wie ein Flamenco-Tänzer mit Kastagnetten in den Händen. Nur alles ganz langsam, teilweise fast in Zeitlupe. Eine wundervolle Choreografie.

Es folgt die klassische Nummer, bei der ein Kanarienvogel verschwindet und dann in einem Ei erscheint, welches sich zuvor in einer Zitrone, und diese in einer Orange befand.

richiardi5Der krönende Höhepunkt
Nun der Schlusstrick: Richiardis Ehefrau setzt sich auf einen Stuhl (de Kolta) und wird mit einem großen Tuch bedeckt. Sie „zappelt“ unter dem Tuch mit ihren Händen. Richiardi sagt den Zuschauern, dass seine Frau das Publikum noch einmal sehen möchte. Er hebt das Tuch bis zu Ihrer Stirn an und zeigt sie. Er lässt das Tuch wieder herunter. Sie bewegt weiter ihre Hände, damit die Zuschauer erkennen, dass sie sich noch weiter auf dem Stuhl befindet. Zwei Assistenten rollen einen großen Überseekoffer auf die Bühne, der sich auf einem hüfthohen durchsichtigen Untergestell befindet. Der Koffer wird mit einer Drehung von allen Seiten gezeigt, nach vorne gekippt, Deckel geöffnet und leer präsentiert.. Richiardi nimmt einen ca. 60cm massiven Stock und schlägt wie von Sinnen damit innen gegen die Wände und dem Boden der Kofferbox (genial, so wird jedem Zuschauer klar, dass es keine Spiegel gibt).

Augenblicklich läuft er zurück zum Stuhl, fordert, dass seine Frau unter dem Tuch erneut die Hände zappelt, wodurch dem Publikum verdeutlicht wird, dass sie noch immer auf dem Stuhl sitzt. Plötzlich zieht er das Tuch vom Stuhl herunter und seine Frau ist spurlos verschwunden – der Stuhl ist leer. Im selben Moment wird der Deckel des Reisekoffers nach oben geklappt und blitzschnell erscheint seine Frau im Reisekoffer. Das Publikum und ich waren fassungslos. Orkanartiger Applaus. Richiardis grandiose Show ist zu Ende. Alle Zuschauer und auch ich verließen begeistert den Saal. So erlebte ich damals zum ersten Mal „Richiardi jr.“.

Nur so am Rande: Mir ist natürlich bewusst, dass es sich bei Ihnen als Leser des Aladin sicher nicht um einen Laien handelt und Sie die genannten Illusionen alle kennen. Mir ging es bei der Schilderung seiner Tricks aber darum, Ihnen zu beschreiben, wie ich die Effekte damals als 14-jähriger Junge wahrgenommen habe.

Ich wollte alle Shows von Richiardi sehen
Ich schaute draußen sofort an der Infotafel nach, wann die nächste Show begann. Denn eines war mir klar: Die Achterbahnen und alle anderen Fahrattraktionen im Park waren mir fortan egal. Mich interessierte nur noch, wann ich die nächste stattfindende Show von diesem tollen Illusionisten sehen kann. Glücklicherweise liefen an dem Tag noch zwei weitere Shows. Also besuchte ich auch diese Vorstellungen. Meine Begeisterung für Richiadis Show wurde immer größer. Da mir schon mit 10 Jahren bewusst war, dass ich beruflich Artist werden wollte, war ich nun mit 14 gefangen. Auf einmal war mir klar: Ich wollte möglichst jede der in den nächsten sieben Monate im Park stattfindenden Shows von Richiardi sehen und war regelrecht besessen von der Idee, ihn mir bis zum Ende der Saison jeden Tag anzuschauen.

Da ein Bekannter von mir im Park arbeitete und dieser mich kostenlos hineinschleuste, musste ich keine Eintrittskarten kaufen. Das eigentliche Problem war die Schule, so dass ich außer an den Wochenenden stets die erste Show des Tages verpasste. Je nach Publikumsandrang fanden damals 2 bis 4 (an besonders gut besuchten Tagen sogar fünf) Shows statt. Ich wollte unbedingt jede davon sehen.

Lieber Leser, Sie mögen das vielleicht als verrückt einstufen, sich 7 Monate lang täglich mehrmals die gleiche Show anzuschauen. Für mich aber war es das Größte. Nach wenigen Tagen wollte unbedingt ich der von Richiardi auserwählte Zuschauer sein, der den Reifen für seine Schwebenummer untersucht. Nicht weil ich prüfen wollte, ob er wirklich unpräpariert war, sondern weil ich mit 14 Jahren cool fand, dass in diesem Augenblick – zumindest für wenige Sekunden – fast 1000 Zuschauer auf mich schauten. Was mir aber noch wichtiger war ist, dass Richiardi mich wahrnahm. Ich wollte, dass er mich registrierte. Denn ich hatte vor, mit ihm in persönlichen Kontakt zu treten. Das Glück war auf meiner Seite: Richiardi gab mir den Reifen zum Untersuchen.

In der nächsten Vorstellung machte ich mich wieder bemerkbar, als die Durchsage kam, dass Richiardi einen Zuschauer bittet, den Reifen genauestens zu untersuchen. Womit ich absolut nicht rechnete: Er gab erneut mir den Reifen und ich stand wieder „im Rampenlicht“. Und: Er hatte mich registriert. Ich war überglücklich. So ging das einige Tage. Jeden Tag durfte ich den Reifen untersuchen. Richiardi achtete jedoch darauf, dass er mich in der Regel pro Tag nur in einer Vorstellung dazu auswählte. Da ich nun täglich Gast im „Wintergarten“ war, nahm mich auch der Platzanweiser zur Kenntnis, ein Mann namens Olaf (was für mich später noch eine bedeutende Rolle spielen sollte).

richiardi6Fotografieren mit Blitzlicht verboten
Ich spürte, dass mir Richiardi wohlgesonnen war. Deshalb machte ich während seiner Show einige Fotos von ihm. Obwohl das Fotografieren mit Blitzlicht verboten war und auch stets vor Showbeginn deutlich gesagt wurde, riskierte ich es. Aus einer Ecke, direkt rechts an der Bühne, machte ich mehrere Bilder. Weder der Platzanweiser noch sonst jemand beschwerten sich. Als ich zur nächsten Vorstellung in den Saal kam, eilte Platzanweiser Olaf aufgeregt auf mich zu und sagte, dass ich das niemals mehr machen soll. Richiardi wäre nach der Vorstellung völlig ausgerastet, hätte rumgeschrien und war total sauer, dass ich fotografierte. Ich schämte mich sehr. Insbesondere auch deshalb, weil ich ihn von einer Stelle fotografierte, von der man einen Teil der Tricktechnik seiner Schwebenummer sehen konnte.

Nach dieser Info von Platzanweiser Olaf wagte ich es nicht, mich wie sonst in die erste Reihe zu setzen und nahm irgendwo in den hinteren Reihen Platz. Am nächsten Tag saß ich allerdings wieder ganz vorne und der große Richiardi schien mir verziehen zu haben und gab mir erneut den Reifen zum Untersuchen. Mir fiel ein Stein von Herzen. Am selben Nachmittag sah ich ihn mit seiner Tochter und seinem Pudel im Park spazieren. Ich dachte, das ist meine große Chance, ihn um Entschuldigung zu bitten, aber leider fehlte mir dann letztendlich der Mut dazu. Als ich mich feige abwendete, damit er mich nicht sieht, hörte ich plötzlich eine Stimme. Es war die Stimme von Richiardi. Voller Angst drehte ich mich um, er hatte mich tatsächlich gesehen. Er sagte „Hallo, Magic-Boy“ und ich wagte es nicht, ihm in die Augen zu schauen. Am sanften Ton bemerkte ich aber, dass sein Zorn vom Vortag verflogen war, er wedelte lediglich mit erhobenem Zeigefinger, lächelte zum Glück dabei.

Jetzt kam mein Mut zurück, ich gab ihm die Hand und bat ihn um Entschuldigung. Er sagte sanft „ist o.k.“ und klopfte dabei freundlich auf meine Schulter. Ich hatte es geschafft – der persönliche Kontakt mit Richiardi außerhalb der Bühne war hergestellt.

Am nächsten Tag saß ich wie immer in der ersten Reihe und genoss Richiardis Show. Was genau faszinierte mich an ihm? Nun, zunächst die Art seines Auftretens. Alle anderen Zauberkünstler bzw. Illusionisten, die ich vor Richiardi sah, hatten das gleiche aufgesetzte Getue in ihrer Präsentation. In den 1970 er Jahren gab es im deutschen Fernsehen in Sendungen wie z. B. Varieté-Varieté“ viele Kollegen zu sehen. Bis auf sehr wenige Ausnahmen fand ich sie alle langweilig. Richiardi hingegen verkörperte für mich die Vollendung in Ausstrahlung und Präsentation. Man spürte, hier spielt ein Weltstar!

Michael Bank – der Chef im „Wintergarten“
Eines Tages bekam ich Kontakt mit Michael Bank. Er war der Chef im „Wintergarten“, machte die Beleuchtung, Ansagen (aus dem Off) und war für die Musik sowie den Ton zuständig. Er war in allem ein Genie. Seine Eltern waren früher berühmte Artisten und mit einem der beiden Inhaber des Freizeitparks eng verwandt. Seine Mutter war jetzt in einem sehr hohen verantwortungsvollen kaufmännischen Posten des Parks beschäftigt. Michael fiel natürlich auf, dass ich jeden Tag im Park war. Glücklicherweise fragte er mich nicht, wie ich mir als 14-jähriger den täglichen Besuch im Phantasialand leisten konnte. Wenn er als Stichprobe mal meine Eintrittskarte hätte sehen wollen, wäre es wohl brenzlig für mich geworden. Aber er mochte mich und ersparte mir die Verlegenheit. Michael war ca. 30 Jahre alt, immer in Eile und war sehr selbstbewusst (bei den Frauen war er deshalb sehr beliebt). An jenem Tag unterhielt ich mich nach einer Vorstellung mit Platzanweiser Olaf und als der letzte Zuschauer den Saal verlassen hatte, kam Michael zu uns. Er zeigte mir einen kleinen Trick mit einer Streichholzschachtel, genoss unser Erstaunen, und schon war Michael wieder blitzschnell verschwunden. Wie gesagt, er war immer in Eile.

RichiardiJrDa Michael im Phantasialand sein eigenes Tonstudio besaß und für alle Bänder der Artisten verantwortlich war – so auch für Richiardis Showmusik – wollte ich über ihn rausfinden, welche Schaltplatten Richiardi verwendet. Als ich dies Olaf erzählte, kringelte er sich vor Lachen. Er gab mir zu verstehen, dass Michael mir das niemals verraten würde. Dabei erwähnte er, dass Michael abends nach Feierabend noch bis in die Nacht daran arbeitet, die von den Artisten verwendete Musik evtl. gegen Bessere auszutauschen. So erfuhr ich ganz nebenbei, dass er das auch für Richiardis Show machte. Manche der von Richiardis verwendeter Musikstücke beruhten laut Olaf auf Ideen von Michael Bank. Michael war wie Richiardi besessen von seiner Arbeit. Beide waren Perfektionisten.

Da ich die Musik von Richiardis Show so toll fand (insbesondere das Eröffnungsstück zu seiner Reis- und Wasserwanderung sowie die Musik zu seiner Aga-Schwebe), aber wie gesagt nicht die Titel der Musikstücke kannte und somit in keinem Plattenladen kaufen konnte, nahm ich eines Tages heimlich einen Kassettenrekorder in den Wintergarten und nahm die Musik über ein Mikrofon auf. Endlich konnte ich die Musik nicht „nur“ zwei bis fünf Mal täglich im Wintergarten hören, sondern auch zu Hause. So stand ich abends in meinem Zimmer (ich weiß, das klingt total seltsam) und versuchte, die Bewegungen Richiardis zu imitieren. Alles natürlich ohne die entsprechenden Requisiten, aber ich bildete mir ein, dass ich z. B. die Reisschalen etc. in den Händen halte. Ich legte mir einen Teppichläufer zurecht, stand dann zur lauten Musik von Richiardi davor und dirigierte wie er mit den Händen eine nur in meiner Fantasie auf dem Boden liegende Dame zum Schweben. Ich hatte nur noch Richiardi im Kopf. Je öfter ich seine Show sah, umso süchtiger wurde ich danach. Eines Tages lief ich in jeden Plattenladen meiner Umgebung, fuhr in den damals größten Schaltplattenladen der Welt nach Köln und spielte den Verkäufern die Musik vor, um herauszufinden, welche Musiktitel Richiardi verwendete. Überall leider nur ratloses Kopfschütteln. Kurze Zeit später erfuhr ich dann zumindest den Titel seines Eröffnungstricks mit seiner Reis- und Wasserwanderung.

Clevere Idee
Es handelte sich um „Se a Cabo“ von Santana. Ein etwas fetziges Musikstück, insbesondere in der zweiten Hälfte. Für manche Ohren wahrscheinlich zu aggressiv. Aber die erste Hälfte passte (besonders die beginnenden Töne) hervorragend zu den Alu-Reisschalen, die er bei seiner Reis/Wasserwanderung verwendete. Wie mir Olaf erzählte, kam Michael auf eine clevere Idee: Er verwendete für die zweite Hälfte nicht die Originalmusik von Santana, sondern die Version des Stücks von James Last („Se a cabo“, auf der damaligen LP „Vodoo-Party“). Man hörte also bis zu einer gewissen Stelle Santana, und dann den gleichen Titel weiter vom Orchester James Last. Die Stelle, wo Michael Bank Santana geschnitten bzw. James Last angefügt hat, war genial. Jeder einzelne Takt passt – als wäre er für Richiardis Reis-/Wasserwanderung speziell komponiert worden. Wenn er den Reis aus der „Niffin“ Flasche in hohem Bogen auf sein Tablett rausperlen ließ, hörte man durch die super passende Musik förmlich das Rauschen und auf das Tablett fallenden Reiskörner. Nach seinem Engagement im Phantasialand verwendete er später übrigens die komplette Version von James Last, da sie zeitgemäßer und nicht so aggressiv klingt wie das Original von Santana. Ich kann mich nicht dafür verbürgen, ob Olaf korrekt berichtete. Aber er wusste als Urgestein des Hauses über alles, was sich hinter den Kulissen des Freizeitparks abspielte, Bescheid. Er arbeitete übrigens viele Jahre im Wintergarten (später auch in anderen Bereichen des Parks).

Ich brauchte einige Jahre, um die Titel der anderen Musikstücke ausfindig zu machen. Oft half mir dabei der Zufall. Ich hatte mir immer so sehr gewünscht, die Musik seiner Schwebe-Nummer zu bekommen. Aber wie? Wusste ja nicht, wer der Interpret des Stücks war. Und dann passierte es: Vor etwa 15 Jahren rief mich meine damalige Lebensgefährtin ins Wohnzimmer, ich solle mal schauen, da wäre ein interessanter Eiskunstläufer, der eine ausgefallene Präsentation hätte.

Fast widerwillig kam ich vor den Fernseher und traute meinen Ohren nicht. Der Eiskunstläufer verwendete als Begleitmusik genau das mystische Stück, das Richiardi verwendete. Ich rief, sie möge doch bitte den Ton lauter stellen und hoffte händeringend, dass der Kommentator (wie das bei Fernsehübertragungen von Eiskunstlaufsendungen oft gemacht wird) den Titel den Stücks nennt. Ich jubelte vor Glück, als er genau das tat, und die recht eigenwillige (insbesondere für einen Eiskunstläufer) Musik sogar löblich hervorhob. Als ich Tage später diese CD kaufte, stellte ich fest, dass die Schwebe-Musik von Richiardi sieben Schnitte enthielt.

Kleine Randbemerkung: 1979 waren „The New Houdinys“ im Wintergarten engagiert. Plötzlich ertönte Richiardis Schwebe-Musik zu deren vorgeführten Säge-Illusion. Sie führten die Nummer in den ersten Wochen zuerst mit ihrer eigenen mitgebrachten Musik vor, kurze Zeit später lief zur Sägenummer „Richiardis Musik“ von der Schwebe. Ich erzählte das nach der Vorstellung Ossi (dem männlichen Part der New Houdinys). Er war zu recht sehr verärgert und konnte es zunächst gar nicht glauben. Als ich zwei Stunden später die nächste Vorstellung besuchte, sprach mich Platzanweiser Olaf an und fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Ossi hatte sich mit Michael wegen der Musik deswegen lautstark gestritten und war so sauer auf Michal, dass es zwischen den beiden sehr große Spannungen gab.

Einige Wochen später, als ich mal wieder in den Wintergarten ging, empfing mich Olaf mit den Worten „die New Houdinys sind nicht mehr im Programm“. Ich war sprachlos. Denn bis zu dieser Zeit (und soweit ich weiß bis zum heutigen Tag) hat noch nie ein Artist im Wintergarten sein 7-monatiges Saisonengagement frühzeitig abgebrochen bzw. wegen Krankheit abbrechen müssen (ich spreche von den Artistennummern (also nicht von Tänzern, Assistenten etc.). Offiziell hieß es später, dass Ossi wegen seiner Rückenprobleme abbrechen musste. Den Gedanken, dass dieser Abbruch wohl eher aufgrund der Streiterei wegen der Musik zustande kam, wurde ich nicht mehr los. Vielleicht kamen auch mehrere Dinge zusammen. Ich weiß nur, dass einige wenige Shows zuvor tatsächlich ohne Ossi liefen, seine Frau übernahm den Part von Ossi. Dabei erlebte ich sogar mal eine riesige Panne (es gab Schwierigkeiten im Erscheinungskäfig mit der Assistentin und einem Geparden) die Frau Houdiny hervorragend überspielte. Sie war eine fabelhafte Artistin alter Schule!

Young-Richiardi-JrCa. 500 Mal sah ich Richiardis Show
Zurück zu Richiardi: Immer wenn er mich im Park sah, rief er wie bei der ersten Begegnung freundlich „Hallo Magic-Boy“ zu mir! Noch immer wagte ich es aber nicht, mich mit ihm länger zu unterhalten oder gar zu verabreden. Ich ahnte, wie kräftezehrend es für Richiardi war, 7 Monate lang täglich 2-5 Shows zu präsentieren. Er musste von April bis einschließlich Oktober ohne freie Tage durchspielen. Stress pur. Lediglich an „Fronleichnam“ fand wegen des strengen Feiertags keine Show statt (in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben). Die erste Show mittags um 12.00, dieletzte um 18.00 Uhr. Dennoch kam es endlich doch noch zu einer Unterhaltung. Ich wollte abends nach Hause fahren, da sah ich ihn mit seiner Frau wenige Meter entfernt vom Eingang des Freizeitparks stehend. Er fragte mich, ob ich Hunger hätte. Ich bejahte und er lud mich zum Essen ein. Endlich kam der lange von mir herbei ersehnte intensivere Kontakt zustande. Nicht nur Richiardi, sondern auch seine Frau schenkten mir ihre volle Aufmerksamkeit. Er fragte mich, ob ich auch einen Zaubertrick beherrsche. Ich schämte mich, ihm, dem großen Richiardi, einen meiner kleinen Tricks zu zeigen. Bis zu diesem Tag kannte ich keinen Zaubergerätehändler und besaß nur eines der frei im Buchhandel erhältlichen Zauberbücher für Anfänger. Obwohl ich meinen Mitschülern schon oft Kunststücke präsentierte, hatte ich Hemmungen, für Richiardi etwas vorzuführen. Wir unterhielten uns stattdessen über viele Dinge, später, als ich nach Hause fuhr, konnte ich an diesem Abend besonders gut einschlafen. Ich war glücklich.

Am nächsten Tag saß ich wieder im Wintergarten und bewunderte ihn wie am ersten Tag. Ich habe gestern übrigens nochmal nachgerechnet, wie oft ich mir seine Show ansah: ca. 500 Mal innerhalb von sieben Monaten. Es wurde mir nie langweilig. Im Gegenteil! Wie oft sah ich zuvor eine „Schwebende Jungfrau“ im Fernsehen. Immer schön anzusehen, ein guter Trick eben. Aber bei Richiardi glaubten viele Zuschauer nicht an einen Trick. Als die Zuschauer nach der Show den Saal verließen, horchte ich, was sich die Leute dabei so über Richiardi erzählten. Olaf sagte mir einmal im Scherz „Richiardi glaubt selbst, dass seine Frau nicht durch die Tricktechnik sondern durch seine magischen Kräfte schwebt“. Richiardi LEBTE diesen Part, er spielte ihn nicht. Er hatte als Illusionist gerade mit seiner Schwebenummer eine so große Wirkung auf das Publikum, dass ich mehrmals erlebte, wie am Artisteneingang nach den Shows Zuschauer auf ihn warteten und hofften, er könne sie anhand irgendwelcher geheimnisvollen übernatürlichen Kräfte von ihrer Migräne befreien.

Misdirection in Perfektion
Einfach Klasse, wie er seine Darbietungen und gewisse Ablenkungen bis ins kleinste Detail umsetzte. Beispielsweise die Einleitungsszene zur Besenschwebe, bei der seine Tochter als Zeitungsbotin auf die Bühne kam und die Zuschauer von den beiden Assistenten ablenkte, die dann im Verlauf der Szene die Besen mit dem Stiel auf den Bühnenboden aufsetzten und „in Position“ brachten. FALLS jemand nicht auf Tochter Rina schaute (aber ich versichere Ihnen, es tat jeder im Publikum) und doch die beiden Assistenten im Auge hielt, wurde er nochmals getäuscht. Misdirection in Perfektion. Denn die beiden Assistenten diskutierten in temperamentvoller südländischer Manier und wiesen mit wilder Gestik und Mimik und ihrer Hand mehrmals in Richtung Rina. Hätte man nicht ohnehin schon auf Richiardis Tochter geschaut, dann tat man es spätestens jetzt. Die Zuschauer konnten gar nicht anders, als zur Tochter zu blicken, die einige Meter entfernt auf sich aufmerksam machte, während der eine präparierte Besen vom Assistenten in den Bühnenboden „eingeführt“ wurde. Perfektion pur. Auch das vorher von Richiardi mit Leichtigkeit erfolgte Zuwerfen der Besen (was dem Publikum suggerierte, es handle sich bei beiden um „federleichte“ Besen) war genau durchdacht und mit in die Szene einbezogen.

Sein bereits erwähnter Schlusstrick war an Schnelligkeit nicht zu überbieten. Er verwendete übrigens einen Stuhl ohne Armlehnen, so, wie es aus meiner Sicht auch sein muss. So ist die Illusion der bewegenden Hände unter dem Tuch erheblich stärker. Zu oft sah und sieht man von anderen Kollegen den de Kolta Stuhl mit Armlehnen, was auf mich erheblich weniger überzeugend wirkt. Schauen Sie sich im Internet mal Richiardis Vorführung an und im Vergleich dazu andere, bei denen Stühle mit Armlehnen verwendet werden – dann verstehen Sie am besten, was ich meine. Auch die auszuführende Trickhandlung bzgl. des Kopfteils, worüber das große Tuch gelegt wird, habe ich nie mehr so perfekt wie von Richiardi vorgeführt gesehen. Richiardis „Kiste“, in der Sekunden später seine Frau erscheint, war wie gesagt ein großer Reisekoffer, der nicht nach Trickgerät aussah. Der Koffer besaß im nach vorne gekippten Zustand auch nicht die hinteren Seitenblenden (die bei vielen anderen Ausführungen dazu dienen, um die sich dort versteckt hockende Person zu verbergen).

Richiardi verdeckte die evtl. Sicht für seitliche sitzende Zuschauer raffiniert mit seinen zwei helfenden Assistenten, jede Bewegung war motiviert und sinnvoll ausgeführt. Ich setzte mich zu Kontrollzwecken übrigens auch mehrmals auf die seitlichen Sitzplätze im Saal – man konnte wirklich nichts Verräterisches entdecken. Wie sensationell gut und schnell Richiardi den Platzwechsel präsentierte, wurde mir auch noch viele Jahre später bewusst, als ich im Wintergarten andere Illusionisten mit dieser Nummer sah. Dieselbe Bühne, gleiche Bedingungen, aber bedeutend schlechter vorgeführt.

Plötzlich das Unfassbare
Irgendwann – ich sah seine Show bis dahin schon etliche Male – passierte in der letzten Show des Tages etwas Unfassbares. Richiardis Show lief eigentlich wie immer. Eigentlich! Bis zum Schlusstrick. Mir fiel zunächst nur (ganz schwach) auf, dass irgendetwas ein wenig anders war als sonst. Für Zuschauer, welche die Show noch nie gesehen hatten, war nichts zu bemerken. Auch ich spürte „das gewisse Irgendetwas“ nur minimal im Unterbewusstsein. Nun war der Schlusstrick dran. Alles läuft wie immer, aber plötzlich das Unfassbare. Die Kippkiste wird reingerollt, wie immer mit Tempo komplett um 360 Grad gedreht. Als Richiardi den großen „Überseekoffer“ nach vorne kippt um ihn leer zu zeigen, drückt der Assistent so stark mit Schwung gegen den Koffer (und will ihn anscheinend nochmals wenden), dass er sich um weitere 90 Grad dreht, WÄHREND ER NACH VORNE GEKIPPT UND GEÖFFNET IST. Etwa die Hälfte des Publikums sieht nun so seine versteckte Frau. Richiardis Blicke waren entsetzt. Er überspielt diese schrecklichen Sekunden, zieht das Tuch vom Stuhl, der Deckel des Koffers wird geöffnet und seine Frau ist nun „offiziell“ erschienen.

Am nächsten Tag kicherte Platzanweiser Olaf rum und erzählte mir, dass Richiardis Verärgerung so laut und intensiv war, dass Olaf angst und bange wurde. Aber wieso machte der Assistent am Tag zuvor diesen Vorführfehler? Ganz einfach: Er war angetrunken! Nach Richiardis Wutausbruch dürfte sich der Assistent danach wohl zweimal ganz genau überlegt haben, wann er zukünftig Alkohol trinkt und wann besser nicht.

In den Sommerferien war das Phantasialand besonders gut besucht. An fast jedem Tag der Ferien wurden 4-5 Shows gefahren. Meine Nichte hatte während dieser Zeit im Park einen Nebenjob angenommen. Als ich sie währenddessen bei ihrer Arbeit besuchte, fragte sie mich, ob ich mir mal die Show „des Zauberkünstlers aus dem Wintergarten“ angeschaut hätte. Ich bejahte und machte ihr klar, dass genau dieser Zauberkünstler der Grund war, weshalb ich täglich in den Park komme. Sie begann mir zu erzählen, dass Richiardi sie angesprochen hätte und ob sie Lust hätte, nach seinem Engagement im Phantasialand als Assistentin in seiner Show mitzuwirken. Ich glaubte, nicht richtig zu hören, und sagte lachend, er wolle wahrscheinlich nur mit ihr flirten. „Nein, nein“, versicherte sie mir, „seine Frau war dabei und wir haben uns gemeinsam getroffen und intensiver darüber gesprochen!“

Meine Nichte war damals eine sehr hübsche junge Frau mit großer Ausstrahlung und wusste sich gut zu bewegen. Als mir klar wurde, dass sein Angebot ernstgemeint war, fragte ich neugierig, was sie geantwortet hätte. Nein, sie habe kein Interesse. Ich war verärgert. Sie erklärte mir, dass sie keine Lust hätte, bei seinen Tourneen weltweit unterwegs zu sein. Sie hätte andere berufliche Pläne. Ich konnte es nicht fassen – und das machte ich ihr auch deutlich. Obwohl mir Olaf empfiehl, Richiardi während der Sommerferien besser nicht nachmittags zwischen den einzelnen Vorstellungen anzusprechen, da die häufigen Shows der pure Stress bedeuten, sondern erst nach der letzten Show abends, konnte ich nicht bis zum Abend warten und ging auf ihn zu. Er war sehr in Eile, unterhielt sich aber dennoch mit mir. Er war höchst erstaunt, dass die junge Dame meine Nichte war und bat mich, mir ihr nochmal darüber zu reden, vielleicht könne ich sie doch noch umstimmen. Leider gelang es mir nicht.

Das traurige Ende des Abschieds
Der Sommer verging, es wurde Oktober. Da der 31. Oktober der letzte Spieltag war, sank meine Laune mit jedem Tag. Ich spürte, dass es für mich ein sehr schwieriger Abschied würde. Obwohl das Filmen im Wintergarten streng verboten war, nahm ich Richiardis Show komplett auf. Ich benötigte dazu – technisch bedingt – mehrere Tage. Platzanweiser Olaf und Wintergarten-Chef Michael hätten dies niemals erlaubt und geduldet. Um von den beiden beim Filmen nicht entdeckt zu werden, war großer Ideenreichtum gefragt. Aber es gelang mir glücklicherweise.

Dann kam er, der letzte Tag. Ich nahm meine Dias mit, die ich vor einigen Monaten geschossen hatte, (was mir Richiardi an dem damaligen Tag sehr übel nahm, wie anfangs geschildert) und schenkte sie Richiardi nach seiner allerletzten Show. Wir verabschiedeten uns herzlich und ich spürte irgendwie, dass ich ihn vielleicht nie mehr live sehen werde. So kam es leider auch.

Ich werde diese tolle Zeit, als er im Wintergarten auftrat, niemals vergessen!

Richiardi verstarb 10 Jahre später am 6. September 1985!.

Richiardi jr. – eine Legende!

Wikipedia – Richiardi Jr.
https://en.wikipedia.org/wiki/Richiardi_Jr

You-tube Filme Richiardi:

Kurzer Ausschnitt:
https://www.youtube.com/watch?v=toQLna1HIl0

Große Sendung mit Richiardi Jr.  (leider manchmal gesperrt)
https://www.youtube.com/watch?v=SABOxRvYojY

Richiardi Jr. im Olympia Paris
https://www.youtube.com/watch?v=2uCcaYSpf6A

Richiardi Jr. Ausschnitte
https://www.youtube.com/watch?v=DocVNASkPUk

Richiardi (Kanarienvogel – Ei – Zitrone – Orange)
https://www.youtube.com/watch?v=oANELA0G1kk

Richiardis Horror Show
https://www.youtube.com/watch?v=M5Ko7yPBzUA

Richiardi bei der Ed Sullivan Show:

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