Viele englische Zauberfreunde nutzten an diesem Tag die Möglichkeit, eine Tageskarte zu lösen und den Kongress zu besuchen. Für viele steht dabei ohnehin weniger das Seminarprogramm im Mittelpunkt als die gigantische Händlermesse. Unfassbar viele Menschen drängen sich durch die engen Gänge. Auffallend angenehm ist die britische Kultur des Anstehens: diszipliniert, stressfrei und ohne Vordrängeln. Wenn doch einmal jemand aus der Reihe tanzt, ist es meist ein Besucher von außerhalb, der die Gepflogenheiten nicht ganz so genau nimmt.
Der Samstag begann entspannt. Viele Gespräche, Diskussionen über das Gesehene und Begegnungen mit Freunden, die man bislang noch nicht entdeckt hatte. David Blaine wird gesichtet, es mangelt also nicht an Zauberprominenz. Siegfried & Joy in ihren Glitzeranzügen sind beliebte Fotomotive und auch hier in England bekannt. Hans Klok huscht vorbei, Derren Brown – der am Montagabend in Blackpool sein Programm zeigt – schlendert durch die Gänge. Dynamo, der noch die ganze kommende Woche in London sein Close-up-Programm spielt, ist ebenfalls vor Ort. Es fühlt sich ein wenig wie ein großes Familientreffen an.
Ich besuche das ausgezeichnete Seminar von Yann Frisch aus Frankreich über Misdirection und „Lapping“. Eines der besten Seminare, die ich hier gesehen habe. Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit demonstriert er Techniken, die absolut täuschend sind. Ich freue mich schon jetzt auf die Galashow, in der er seine legendäre Chop-Cup-Routine zeigen wird.
Was nur wenige wissen: Yann Frisch betreibt in Frankreich ein mobiles Close-up-Theater, mit dem er auf Tour geht. Ein Sattelschlepper lässt sich innerhalb weniger Stunden in ein Theater für etwa 120 Personen verwandeln. Pure Magie. Als ich vor einem Jahr mit ihm über eine Mitwirkung beim Kongress in Österreich sprach, hatte ich noch die naive Vorstellung, das sei logistisch einfacher. In den Gesprächen mit seinem Team stellte sich heraus, dass man dafür einen enorm großen Platz benötigt – fast wie bei einem Zirkus. Der Truck entfaltet sich regelrecht zu einem Theater. Schon dieser Aufbau wirkt wie ein Zaubertrick. Wer neugierig ist:
https://www.youtube.com/watch?v=x0AKZwXDxI8


Das zweite Seminar, das ich besuche, stammt von Jay Sankey – Meister der Vermarktung und Promotion. Sankey ist eine legendäre Figur in der Magieszene. Gemeinsam mit seinem engen Freund Richard Sanders hat er zahlreiche Projekte entwickelt. Sein dreibändiges Werk ist lesenswert, viele seiner Videoprojekte sind hervorragend. Gleichzeitig ist er ein begnadeter Verkäufer. Um dem Problem des Kopiertwerdens zu entgehen, hat er früh begonnen, seine DVD-Projekte mit kleinen Gadgets zu versehen. Da wird dann auch einmal eine verbogene Sicherheitsklammer zum gepriesenen Wundergadget.


Natürlich bietet der Meister am Ende ein Sonderpaket an: Effekte des Seminars plus alle dazugehörigen Requisiten – statt 160 Pfund für 80. Man fühlt sich ein wenig wie auf einer Verkaufsfahrt. Es hätte mich nicht verwundert wenn in dem Paket auch eine Heizdecke gewesen wäre um sich in der Nacht hier in Blackpool etwas aufzuwärmen. Aber Spaß beiseite: Der inhaltliche Teil des Seminars war ausgezeichnet. Sein Credo: Zauberkunst einfach halten. Keine komplexen Routinen, denen das Publikum nicht folgen kann, sondern klare, direkte Effekte. Zauberer neigen dazu, Methoden und Abläufe in den Vordergrund zu stellen. Für das Publikum wirkt ein einfacher, klarer Effekt oft nachhaltiger als lange, verschachtelte Routinen. Dai Vernon hat es auf den Punkt gebracht:
„Confusion is not magic.“
Kulinarisch bot der Samstag wenig Höhepunkte. Fette Pommes, frittierter Fisch, Sandwiches mit reichlich Mayonnaise, dazu vier Cola Zero. Damit ist alles gesagt.
Bei den Abendshows entscheide ich mich für Tape Face, den neuseeländischen Comedian, der durch „America’s Got Talent“ bekannt wurde und regelmäßig in Las Vegas auftritt. Ein ungewöhnliches, pantomimisches Programm einer sehr speziellen Bühnenfigur. Ein breites Isolierband über dem Mund ist sein Markenzeichen. Die Bilder, die er erzeugt, sind skurril und eigenwillig. Nicht jedermanns Sache – mir gefällt es. Vielleicht auch, weil man nach vier Tagen dankbar ist, wenn einmal jemand nicht zaubert.



Anschließend geht es zum hochdotierten Wettbewerb „The One“, bei dem nur ein einziger Preis vergeben wird: 30.000 Pfund. Alle anderen gehen leer aus. Manche regen sich darüber auf, doch genau darin liegt der Reiz. Natürlich ist es absurd, so unterschiedliche Darbietungen miteinander zu vergleichen: ein endlos tanzender Lichtstock, eine humorvolle Sprech-Nummer, eine tragische Geschichte um ein Musikinstrument, ein scheinbar lebendig werdendes Stück Papier, ein immer wieder auftauchender Wecker, anarchische Clowns … Wie soll man das bewerten? Und dann entscheiden auch noch drei Juroren mit völlig unterschiedlichen Geschmäckern.
Aber darum geht es gar nicht. Wettbewerbe sind selten gerecht, und objektive Qualität ist dort immer ein schwieriges Thema. Der Preis dient vor allem dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Künstler anzuziehen und Gesprächsstoff zu liefern. Der Blackpool-Kongress ist ein Showformat – irreal, surreal und selbst eine große Illusion. Genau das macht ihn so besonders.



Da die Teilnehmer vorab nicht angekündigt wurden und auch im Programmheft nicht aufscheinen, seien hier nur zwei Namen erwähnt: Toby Rudolph begeisterte mit einer Öl-und-Wasser-Routine – magisch und sehr unterhaltsam. So kann moderne Zauberei aussehen.
Gewonnen hat erwartungsgemäß der Favorit: Laurant Pirot, Weltmeister mit seinem bezaubernden „lebenden“ Stück Papier. Es war eine Fortsetzung seiner Weltmeister-Nummer. Bei einem Kunststück, das buchstäblich am seidenen Faden hängt, sind kleine Unsicherheiten sofort spürbar. Fortsetzungen sind selten stärker als das Original. Dennoch eine großartige Darbietung – typisch für eine Gala vor Fachpublikum. Für mich, mit Ausnahme von Toby, eher durchwachsen.
Im Regen geht es schließlich zurück ins Hotel. Noch ein Cola, ein kurzer Abstecher ins legendäre Ruskin, wenig Schlaf. Also perfekt vorbereitet für den letzten Kongresstag, der noch einige spannende Programmpunkte verspricht.

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