Der Tag beginnt mit einem ordentlichen englischen Frühstück im Hotel. Danach geht es an der „Hotelmeile“ entlang zum Hive, einem sehr guten Café, wo ich mich mit Freunden verabredet habe. Offenbar sind wir bei früheren Besuchen in Blackpool ein wenig aufgefallen: Die Bedienung erinnert sich an uns und begrüßt uns wie ihre verlorenen Söhne.
Die Strandhotel Blackpool:



Man tauscht Neuigkeiten aus, berät, welche Programmpunkte man unbedingt sehen sollte, und dann geht es schon weiter ins Kongresshaus. Gut, dass ich mich am Vortag registriert habe – vor den Schaltern steht eine riesige Schlange. Der erste Weg führt wie immer zur Händlermesse, zu den neuen „Wundern“, die man dort erstehen kann. Manche Effekte, die im Internet groß beworben wurden, erweisen sich in der Realität als Rohrkrepierer. Andere lösen tatsächlich wieder dieses Gefühl des Staunens aus, das man im Laufe der Jahre manchmal verloren glaubt.



Die Händlermesse ist auch einer der wenigen Orte, an denen man Close-up-Zauberei wirklich hautnah erleben kann. Diese Kunstform funktioniert auf Kongressen selten überzeugend: Kartentricks oder Münzroutinen für tausend Leute auf Leinwand zu übertragen, kann den Zauber der Mikromagie kaum entfachen. Da ist ein gutes Video oft spannender als die Live-Übertragung. Genau über dieses Problem habe ich mit unserem Kreativteam für den Kongress in Bad Aussee lange diskutiert – wir wollen dort neue Präsentationsformen ausprobieren. In dieser Hinsicht ist der Besuch internationaler Kongresse enorm wichtig: Man sieht, was gut funktioniert, und was weniger. Den Geschmack von 4.000 Zauberern zu treffen, ist ohnehin unmöglich. Hier begegnen sich Stars, Profis, ambitionierte Amateure und blutige Anfänger. Zugangsbeschränkungen gibt es seit Jahren kaum mehr – und das ist auch gut so.
Ich treffe viele Freunde aus aller Welt. Es fühlt sich tatsächlich wie eine große Familie an, die sich regelmäßig wieder sieht. Am Nachmittag stehen drei Seminare auf dem Programm.



Richard Sanders aus Kanada zeigt ausschließlich Effekte, die ich bereits vor vielen Jahren von ihm gesehen habe. Er ist ein routinierter Künstler, doch mir fehlt etwas die Weiterentwicklung des Materials. Als Profi hat er sein Repertoire sicher erweitert – im Seminar zeigt er jedoch vor allem Klassiker, viele davon auch aus seinem Verkaufsprogramm. Solide, bewährte Stücke, aber insgesamt wirkt es wie ein Verkaufsseminar.
Etienne Pradier aus Frankreich, den ich aus Büchern und Videos kenne, ist ein unterhaltsamer Typ, der inzwischen in England lebt. Er präsentiert viele Gags, die man in eigene Programme einbauen kann, dazu einige starke Karten- und Geldscheinroutinen. Ein kurzweiliges, sehr unterhaltsames Seminar.
Dana Daniels, ein bekannter Comedy-Magier aus Kalifornien, der durch seine Nummer mit dem Papagei Luigi berühmt wurde, spricht darüber, wie man komisches Material entwickelt und professionell in ein Programm einbaut. Er geht stark auf Theatertechniken ein. Inhaltlich ein sehr gutes Seminar – auch wenn er, da es laut eigener Aussage sein erstes dieser Art ist, viel vom Skript abliest und gelegentlich den Faden verliert. Trotzdem: Wo erlebt man sonst einen Profi, der so offen aus seiner Praxis berichtet?
Interessant ist auch seine Entwicklung: Erst mit der Einbindung seines Papageis Luigi gelang ihm der Durchbruch. Der kleine grüne Star sitzt dabei meist ruhig auf seinem Ständer, wird verbal eingebunden und kaut schon einmal eine gezogene Karte in Fetzen. Tierfreunde können beruhigt sein: kein Zwang, keine engen Verstecke. Luigi ist eher Partner als Requisite. Nach England ist er diesmal allerdings nicht mitgereist – die Einreisebestimmungen für Papageien sind offenbar strenger als für Emigranten aus einem Entwicklungsland. In der Abendshow wird er daher durch eine englische Taube ersetzt.




Am Abend beginnt die Qual der Wahl: Zabrecky mit seiner Show, Caroline Ravn mit ihrem Solo und Hans Klock mit einer großen Illusionsproduktion. Da ich Zabrecky bereits gesehen habe und mich Caroline stilistisch weniger anspricht, entscheide ich mich für einen alten Bekannten: Hans Klock.
Nun ja – einseitig bekannt. Ich kenne ihn, er mich wohl weniger, obwohl ich ihn 2025 für den Aladin interviewt habe. Unsere Wege kreuzten sich erstmals vor vielen Jahren: als 14-jähriger Teilnehmer beim österreichischen Kongress in Seefeld. Damals gewann er den Jugendwettbewerb vor Roy Davenport und Alexander de Cova. Ich erinnere mich an ein schüchternes blondes Kind, das Kartenmanipulationen und Taubenproduktionen zeigte und von seinem Vater streng betreut wurde. Ich war damals als Bühnenhelfer eingeteilt.
Persönlich ist seine Art der Zauberei nicht ganz mein Stil. Im Las-Vegas-Format wirbelt der selbsternannte „schnellste Illusionist der Welt“ durch eine aufwendig produzierte Show mit viel Technik und Video. Aber: Es ist beeindruckend gemacht und endet mit einer langen Standing Ovation. Fast jede bekannte Großillusion ist zu sehen, teilweise sogar doppelt – alles eingebettet in ein nostalgisch angelegtes Showkonzept. Echte Innovationen und eigene Entwicklungen vermisst man. Der Titel „Face the Future“ wirkt etwas irreführend, denn die Reise geht eher in die Vergangenheit und erinnert an große Illusionisten und ihre Klassiker. Modern ist vor allem der Rahmen.
Zwei Highlights stechen heraus: die schwebende Glühbirne von Harry Blackstone, deren Rechte Klock erworben hat und die er als emotionale Hommage inszeniert. Und eine Würdigung des deutschen Schaustellers und Zauberkünstlers Hans Moretti – ein Künstler, der Klock nach eigener Aussage inspiriert hat. Realität oder gute Story? Schwer zu sagen. Fest steht: Die Show ist bemerkenswert, und ich bin froh, sie gesehen zu haben.
Zum Abschluss des Tages sehe ich noch „Part Time Wizards, Full Time Morons“ von Jack Rhodes. Bereits 2025 lief eine kürzere Version, die begeisterte. Die neue Fassung wird im großen Opernsaal mit über 2.400 Plätzen gezeigt. Sehr unterhaltsam, sehr witzig – aber nach einem langen Kongresstag fällt es schwer, noch echte Begeisterung aufzubringen. Zudem wirkt die Saalwahl unglücklich: Eine eher intime Show in einem riesigen Raum, während Klocks Großillusionen in einem kleineren Theater laufen. Für beide Produktionen wäre eine umgekehrte Raumverteilung sinnvoll gewesen.
Müde geht es zurück ins Hotel, vorbei am Ruskin – dem legendären Pub, in dem sich alle treffen. Die Luft ist schlecht, das Bier mittelmäßig, aber man bleibt doch noch hängen. Und wenn man es dann endlich ins Hotel geschafft hat, wartet dort der Aufenthaltsraum mit Freunden. An Schlaf ist kaum zu denken.
Inzwischen ist es wieder Morgen. Gleich geht es zum Frühstück und dann zurück in den Kongresswahnsinn. Gestern habe ich vor lauter Programm sogar vergessen zu essen. Aber keine Sorge: Das „Full English Breakfast“ liefert Kalorien für einen ganzen Tag.
Das Programm für Freitag:


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